Rotdornstraße

Sonntage tippe ich auf den mir im Dunkeln milchweiß leuchtenden Schirm. Es muss etwas an diesen Sonntagen sein. Totenhaus Sonntag. Deutschland, Sonntagsstaat. Alle früheren, wie zur finalen Stille erpresste Sonntage fallen mir ein, Sonntage mit schwerem Essen, mit Fernsehgemurmel, mit auch zur Hoch-Zeit des Tages langen Schatten wie aus einer anderen Epoche in dem verhangenen Zimmer für einen Mittagsschlaf. Später eine behäbige Spaziergängerei vorbei an Musterküchen-Schaufenstern und ausgeräumten Kachelauslagen von Metzgereien. Wo ist das Blut? Einmal in der Woche wird man lebendig zu Grabe getragen.

Doch zuerst kommt noch so eine beruhigte Vorortgegend mit Wohnanlagen und Gärten, darin hinter Rotdornhecken höchstens Kaffeetische klirren in einem ewig unruhigen Hundetraum. Gleich kommt der Besuch. Tante Zarah klaubt die toten Bienen aus der Torte.

Und Sonntage, denkt man: Wozu braucht die Bourgeoisie die Verzweiflung? Unausweichlichkeit, Tretmühle des Sonntags. Gottverlassene Trottoirs, Anrufung niemands, denn der Freiwilligen zur Feier der Gramseligkeit. Was kaum auszuhalten ist, scheint eben das Zu-nichts-gedrängt-Sein, das Gespenst der Freiheit, das Grundlose wie das Beharren auf eine an sich selber irre werdende Traurigkeit ganz auszukosten. Zum Trotz.

Doch ich übertreibe. Früher noch war das so, in der Kindheit, wenn auch die wenigen Lebensfertigkeiten auf einmal wieder abgeschnitten waren, weil man zu Hause zu sein hatte, auf sich selbst zurückgeworfen, in undurchdringliche Langeweile gesperrt – für manche reicht ein Leben nicht zum Begreifen, dass sie für ihre inneren Abenteuer selber verantwortlich sind. Doch reichte das bei mir teils bis in die ersten Jahre im Beruf, als ich, wenn es mich dazu trieb, oft auch noch sonntags die selben Wege in die Stadt nahm, um auch mal die Rückseiten des Alltags zu sehen. Der ebenso undurchdringlich sein mag, aber zumindest in Tätigkeit vergeht. Wenn die auch ebenso zweifelhaft ist. Der Skandal scheint, dass Besinnung nicht viel beiträgt zur Durchdringung der eigenen Existenz.

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Bauchnabel

An einem dieser Sonntage hatte sie mir, einen vom allzu heftigen Rühren verirrten Vanillejoghurtspritzer mit zwei Fingern aufnehmend – nicht unähnlich, wie sie sonst einen Streich Nivea aus der Dose aufnahm -, aus dem Bauchnabel geleckt. Ich war zu übertölpelt gewesen, von dem einen wie dem anderen. Doch war offensichtlich geworden, wie das für alle kurz als etwas Gesondertes an Aufmerksamkeit im Raum stand. Die Überdeutlichkeit ist mir fast heute noch peinlich, doch ist sie eben so passiert. Nicht nur zu meiner Erleichterung fing Rieke dann gleich an zu nörgeln wegen ihrem blöden Ball. (Erst X Jahre später, als ich einmal Simonas Bauchnabel mit der Zunge erkundete und sie den überraschend gesteigerten Grad meiner Erregung nicht mit sich selber in Zusammenhang bringen konnte, fiel mir das alles mal wieder ein.)

Ein paar Mal, kichernd und spürbar rachsüchtig, war diese Frau von ihrer Tochter verraten worden, als sie uns Nachbarjungen auf ihrem Zimmer etwas von dem kurios-bunten Unterzeug ihrer Mutter vorführte. Mir ist, als wäre ich es gewesen, der sie mit Andeutungen und Neugier darauf gebracht oder zumindest darin bestärkt hatte. Zugleich glaube ich, dass ich bei so was immer der Blödeste geblieben bin – ich konnte mir weder Sinn noch Zweck dieser für mich stets nur Beengtheit und Umständlichkeit verheißenden Rüschen- und Bändersachen richtig vorstellen.

Diese Frau: Eine Zeit lang habe ich mich, wiederum viele Jahre später, um für mich selbst etwas verlässlicher meinen Eindrücken über sie nachspüren zu können, um ein Foto von ihr bemüht. Und schließlich habe ich es auch bekommen, sogar eine ganze kleine Serie, tatsächlich von einem jener Sonntage am Fluss. (Auf einem anderen Bild der Serie bin ich selber mit drauf – mit dieser Tochter, die sich auf eine frauliche Weise in die Hüfte lehnt und gespielt-empört auf mich zeigt, der ich ihr gerade mal wieder den Ball abgenommen habe. Ich lache, aber es sieht nicht fröhlich aus, schaut nicht aus nach befreitem Spiel. Was mich ein wenig perplex macht, ist meine sichtliche Unfertigkeit, mit einer Schattierung auf dem Gesicht von jenem Erschrecken, dem ich mich damals immer ein bisschen nahe fühlte: mich hin zu etwas Unumkehrbarem zu verändern.)

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